Raymond Adam

Der Ring (2019)

Die Kurzgeschichte "Der Ring" enstand als Raymond Adams Beitrag zum Bookdate Contest des BOD-Verlags vom Februar 2019 und ist auch auf den INSTAGRAM-Seiten des Verlags aufrufbar.

Sie saßen im Weingarten auf dem Grazer Schlossberg und küssten sich innig. Im roten Licht der untergehenden Sonne waren sie die einzigen Gäste. Irgendwann lösten sie sich voneinander.
Maria griff nach ihrem Weinglas und entdeckte den funkelnden Ring an dessen Boden.
»Was wird das?«, sagte sie irritiert.
»Na ja. Heute ist doch unser fünfter Jahrestag«, stotterte Kurt und lief rot an.
»Und da dachte ich ...«
Sie schloss ihre Augen und flüsterte heiser: »Sag es nicht.«
»Maria! Willst du meine Frau werden?«
Ihr Gesicht wurde fahl. »Du hast damals versprochen, mich nie zu fragen. Nie!«
»Aber ich liebe dich von ganzem Herzen!«, rief er enttäuscht. »Warum zerstörst du diesen schönen Abend? Du weißt, ich tue alles für dich, egal, was es auch sein mag!«
Maria öffnete ihre Augen und starrte Kurt an mit weit entrücktem Blick.
»Seit wir uns kennen, weißt du, dass ich nur mit jemandem leben kann, der absolut ehrlich ist.«
»Aber das bin ich doch immer gewesen!«, rief er aufgebracht. »Habe ich dich je belogen oder betrogen?«
Maria schüttelte ihr langes, schwarzes Haar, das ihr in weiten Wellen den Rücken herunterfiel, und griff nach Kurts rechter Hand.
»Nein, mein Schatz. Du bist der ideale Mann für mich! Deshalb bitte ich dich, deinen Antrag zurückzunehmen. Wir leben doch auch so harmonisch miteinander. Lass uns diese blöde Sache einfach vergessen!«
Sie deutete auf den funkelnden Ring im Glas.
Er schüttelte langsam seinen Kopf. »Nein, Maria. Heute will ich es wissen.«
Sie schwieg eine Weile, während eine Träne ihre Wange herunterlief. Dann griff sie in ihre Handtasche, zog einen schwarzen Revolver heraus und legte ihn auf den Tisch.
»Was hast du vorhin gesagt? Du tust alles für mich, egal, was es auch sein mag?«
Er starrte irritiert auf die Waffe. »Was soll das? Bist du verrückt geworden?«
Sie schüttelte langsam ihren Kopf. »Nein. Erschieß dich. Hier und jetzt!«
»Aber warum?«
»Beweis mir, dass du alles für mich tust, weil du mich liebst.«
Kurt nahm den Revolver in die Hand ...



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Wenn sich die guten und aufrechten Menschen zusammentun und
zu einer Macht werden, können ihnen die schlechten und bösen
Menschen nichts mehr anhaben.