Raymond Adam

Der Wunsch (2019)

Die Kurzgeschichte "Der Wunsch" enstand als Karin Bahrs Beitrag zum Bookdate Contest des BOD-Verlags vom Februar 2019 und ist auch auf den INSTAGRAM-Seiten des Verlags aufrufbar.

Ina blinzelte. Der Tag in der Agentur war anstrengend gewesen, und wieder einmal mit Überstunden. Sie war nach der Arbeit nachhause gegangen, hatte sich auf ihr Sofa fallen lassen und war eingeschlafen. Jetzt wurde sie langsam und unwillig wach.
Ihr gegenüber auf dem Sessel saß eine junge Frau in einem weißen Kleid, die sie nicht kannte.
Ina richtete sich auf mit einem Ruck. »Wer bist du? Was machst du hier?«
»Ich bin eine Fee«, antwortete die junge Frau. »Du hast einen Wunsch frei, den ich dir erfüllen werde, sofern er nicht unanständig ist.«
Ina schüttelte ihre langen, blonden Haare, schloss ihre Augen und öffnete sie wieder. Die Fee saß immer noch da auf Inas Sessel und lächelte sie freundlich an.
»Ich kann mir wünschen, was ich will? Genau wie im Märchen?«
Die Fee nickte. »So ist es. Eigentlich ganz einfach, oder?«
»Allerdings musst du dir genau überlegen, was du dir wünscht, und es genau beschreiben, damit es nicht zu unerwünschten Nebeneffekten kommt.«
»Wie jetzt?«, fragte Ina.
»Na ja. Gestern wollte einer steinreich sein. Wurde er auch. Dafür sitzt er nun bis zum Hals gelähmt im Rollstuhl und muss von einer Maschine beatmet werden, weil er bei seinem Wunsch seine Gesundheit vergessen hat.«
Ina hörte der Fee nur halb zu und dachte an ihren Freund Michael. Schön wollte sie für ihn sein, damit er sie endlich fragen würde, ob sie ihn heiratet.
Ina war in Gedanken ganz bei Michael. »Ich will so schön sein, dass mich alle Frauen bewundern ob meiner Schönheit und alle Männer stehen bleiben und pfeifen, wenn sie mich sehen.«
»Sicher? Das ist alles?«, fragte die Fee. »Sonst wünscht du dir nichts?«
Ina schüttelte ihren Kopf.
»Gut«, sagte die Fee. »So sei es.«
Innerhalb eines Sekundenbruchteils war sie verschwunden, als wäre sie nie da gewesen.
Ina stand auf und ging langsam in den Flur, wo ihr ovaler Spiegel hing. Sie schaute hinein und erblickte das wunderschöne Gesicht eines afghanischen Windhunds, dessen blonde Locken lang über seine Schlappohren herunterhingen.



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Wenn sich die guten und aufrechten Menschen zusammentun und
zu einer Macht werden, können ihnen die schlechten und bösen
Menschen nichts mehr anhaben.