Raymond Adam

Lenchen (1994)

Diese Kurzgeschichte entstand 1994 aus Ärger über die Geschmacklosigkeit einer entfernten Bekannten, die die hier beschriebene Uhr tatsächlich besaß.

Dichter Feierabendverkehr donnerte über die sechsspurige Hauptstraße. Alle Kraftwagen fuhren weit schneller als erlaubt. Die großen Lastkraftwagen verursachten einen ohrenbetäubenden Lärm durch das Dröhnen und Tackern ihrer unter Voll-Last laufenden Dieselmotoren. Sie alle brüllten: »Keine Zeit, keine Zeit!«.
Im Hintergrund erhob sich der Turm des Altonaer Krankenhauses in schwindelnde Höhen, eine an diesem Ort widersinnig untergebrachte Institution, denn das Sevesogift Dioxin wurde in großen Mengen auf der nahegelegenen Autobahn und den Einfahrten in den Hamburger Elbtunnel freigesetzt und umnebelte die unteren Stockwerke der Klinik in unglaublichen Konzentrationen.
Wir standen alle im Schatten eines Bushäuschens und warteten, dass eine Lücke im Verkehr entstehen würde, denn die breite Hauptverkehrsstraße hatte an dieser Stelle keinen Übergang, um auf die gegenüberliegende Straßenseite zum Krankenhaus zu gelangen. Der schnellste Weg, um dorthin zu kommen, bestand darin, sich einfach überfahren zu lassen. Dann war man gewiss eher dort als alle anderen, die mit mir hier schon seit mehr als fünf Minuten standen.
Ich schaute nach links, um den Verkehr zu beobachten, und entdeckte Lenchen unter den Wartenden. Sie stand links hinter mir. Sie bemerkte mich nicht und schien ständig etwas zu fixieren, das in weiter Ferne vor ihr lag und nur von ihr gesehen werden konnte. Sie sah aus, wie ich sie seit Jahren kannte - ein verbrauchtes, herbes Frauengesicht mit der zerknitterten Gesichtshaut einer alten Aktentasche - eine Folge lebenslangen und unmäßigen Rauchens. Ihrer Kleidung fehlte jeglicher Chic, und egal, was sie anziehen mochte, sie wirkte immer ein wenig heruntergekommen.
Unter ihrem rechten Arm hielt sie eine Uhr, die sie fest gegen ihren Körper presste. Es war eines jener entsetzlich geschmacklosen, hässlichen Produkte aus fernöstlichem Hochglanzplastik, die man in jedem türkischen Ramschladen für schmales Geld erstehen konnte. Die Gehäuseform erinnerte an die Kreuzung eines Volksempfängers mit einer Wohnzimmeruhr aus den fünfziger Jahren, oben rund geformt wie ein liegender, halber Zylinder, das gesamte Gehäuse aus schwarzem Plastik, während in den Ecken aufgedruckte bunte Blumen den Eindruck von Bauernmalerei vermitteln sollten und der Geschmacklosigkeit die Krone aufsetzten.
Als ich sie gerade ansprechen wollte, trat sie unvermittelt auf die Fahrbahn. Die Bordsteinkante war hier gewiss dreißig Zentimeter hoch, da an dieser Stelle kein regulärer Übergang vorgesehen war, aber Lenchen machte einen so weiten Schritt nach vorne, als gäbe es diesen Bordstein nicht. Im selben Moment donnerte der Schnellbus auf der rechten Fahrspur an uns vorbei. Er hatte mindestens neunzig Stundenkilometer drauf und verminderte sein Tempo in keiner Weise.
Der Busfahrer schien nicht zu bemerken, dass jemand innerhalb eines Sekundenbruchteils einfach vor seiner Front verschwand. Dafür kam die schreckliche Uhr in hohem Bogen aus der Richtung des Busses geflogen, landete direkt vor mir auf dem Betonboden der Bushaltestelle und zerbarst in tausend Stücke. Viele kleine Zahnräder sprangen in alle Himmelsrichtungen auseinander. Der Bus hatte inzwischen den Horizont erreicht und löste sich auf, als wäre er nie da gewesen. Von Lenchen fehlte jede Spur, sie wurde nie wieder gesehen.



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Wenn sich die guten und aufrechten Menschen zusammentun und
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