Raymond Adam

René (1969/2005)

Der erste Teil dieser Kurzgeschichte entstand während meiner Schulzeit und lag Jahrzehnte unbeachtet in meinem Bücherschrank. 2005 fielen mir diese Aufzeichnungen wieder in die Hände. Wenige Tage zuvor hatte ich in der Zeitung über eine sonderbare Mutation gelesen. Ich verknüpfte beides miteinander und schrieb nach 36 Jahren den zweiten Teil.

»Words are flying out like endless rain into a paper cup, they slither while they pass, they slip away across the universe, pools of sorrow, waves of joy are drifting through my open mind, possessing and caressing me ….«
»Und?«
»Und was?«, sagte René.
»Wie sie dir gefällt«, sagte ich, »meine neue Scheibe von den Beatles.«
»Nothing's gonna change my world…«, sang John Lennon.
»Kenn’ ich schon«, sagte René.
»Kannst du gar nicht«, sagte ich. »Ist heute erst rausgekommen.«
»Ja«, sagte René. »In Deutschland. Ich kenn’ sie aus Luxemburg. Geiler Song, heißt Across the Universe«.
»Sounds of laughter shades of earth are ringing through my open views inciting and inviting me. Limitless undying love which shines around me like a million suns it calls me on and on across the universe …«
René war der Neue. Gestern erst in unsere Klasse gekommen. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch, hatten uns gleich für heute verabredet. Da saß er nun bei uns zuhause, hörte meine neue LP und kannte sie schon.
Wir unterhielten uns lange, wie das so ist, wenn man 15 ist, die Welt entdecken will und endlich einen Freund gefunden hat, der viele Dinge kennt, die einem selbst bisher neu, unbekannt und verschlossen waren.
Rene war in Luxemburg aufgewachsen. Seine Eltern arbeiteten beide im diplomatischen Dienst. Er sprach fließend holländisch, flämisch, französisch, englisch und deutsch. Weil die Eltern beruflich für ein halbes Jahr in eines der Krisengebiete in Fernost berufen wurden, hatten sie René für diese Zeit zu seinen Großeltern nach Hamburg gebracht.
Und so saßen wir nun zusammen und redeten. Meistens fragte ich und er antwortete geduldig auf meine Fragen. Irgendwie wollte er nie etwas wissen und fragte nie. So blieb es für die gesamte Zeit unserer Freundschaft.
Wir liebten beide die Songs von den Beatles, und ich gewöhnte mir an, täglich während der Hausaufgaben Radio 208 auf Mittelwelle zu hören, den internationalen Radiosender von Radio Luxemburg. Hier konnte man Musik hören, die in Deutschland manchmal erst drei Monate später in die Plattenläden kam. Das war ein Tipp von René.
In der Schule schaffte es René, sich sehr schnell bei den Lehrern unbeliebt zu machen. Er war immer sehr direkt und war es scheinbar gewohnt, sich um alles selbst zu kümmern. Nach der ersten Woche ließ er sich einen Termin bei unserem Direktor geben und erzählte ihm, dass er nicht weiter am Englischunterricht teilnehmen werde. Unsere Englischlehrerin habe so einen schrecklichen Akzent, dass sie ihm sein gutes Englisch verderben werde. Wie er mir später mit Stirnrunzeln berichtete – er verstand diese Reaktion nicht – habe der Direktor angefangen zu schreien und ihm gedroht, er werde ihn wegen Unverschämtheit von der Schule werfen.
An diesem Abend telefonierte René mit seinen Eltern. Am nächsten Tag war nichts mehr von der Aufregung in der Schule zu spüren.
Als René den Pausenhof betrat, fragte ich ihn: »Und? Was ist los?«
»Nichts«, grinste René. »Ich brauche am Englischunterricht nicht mehr teilzunehmen.«
»Ich dachte, der Direx wollte …«
»Der hat gestern einen Anruf gekriegt«, sagte René.
»Mensch erzähl’«, sagte ich. »Spann mich nicht auf die Folter!«
»Ach«, sagte René. »Gibt nicht viel zu erzählen. Ein Kollege von meinen Eltern aus dem Diplomatischen Corps in Bonn hat den Direx angerufen und ihm irgendetwas erzählt. Dauerte zwanzig Minuten. Was er ihm gesagt hat, weiß ich nicht. Der Direx ist wohl nicht viel zu Wort gekommen. Jedenfalls hat er heute Morgen ganz früh mit meinen Großeltern telefoniert und sich entschuldigt und ihnen dann mitgeteilt, dass ich vom Englischunterricht befreit bin.«
Mit Francois sprach René französisch. Francois war vor drei Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland gezogen. Wenn ich auf dem Pausenhof dabei war, folgte ich dem Klang der gesprochenen Worte und manchmal gelang es mir, die Stimmung wahrnehmen, die in ihrem Gespräch rüber kam. Verstehen konnte ich kein einziges Wort, denn ich nahm am Lateinunterricht teil und hatte kein Französisch.
Irgendwann einmal fragte ich René: »Wie ist das, wenn du französisch sprichst? Wieso kannst du es so schnell?«
»Eigentlich ganz einfach«, sagte René, »ich denke dann französisch.«
»Ach«, sagte ich, »und wenn du englisch sprichst, dann denkst du englisch…«
»Genau«, sagte René. »Ist bei jeder Sprache so, die ich kann. Ähnlich wie beim Klavierspielen. Da sehe ich die Noten vor meinen Augen. Eigentlich ganz einfach.«
»Aha«, sagte ich und war ein wenig eifersüchtig. Ich konnte recht gut englisch, hatte es aber nie geschafft, auch in Englisch zu denken. Das würde erst viel später kommen und ist eine andere Geschichte.
»Und du spielst auch Klavier? Finde ich ja gut. Ich nämlich auch.«
»Komm!«, sagte René.
»Wohin?«, fragte ich.
»Wirst schon sehen«, sagte er und erhob sich.
Ich folgte ihm und bemerkte, dass er Richtung Neubau unterwegs war. Plötzlich wusste ich, was er wollte. In einem der leeren Klassenräume stand ein altes Klavier. Er rückte einen Stuhl davor und forderte mich auf, etwas zu spielen. Ich gab mein mageres Repertoire an Übungsstücken zum Besten, verspielte mich einige Male und fand mich gar nicht so toll.
»Fertig?«, fragte René, als ich aufgehört hatte und mich zurücklehnte.
Ich nickte und tauschte mit ihm den Platz. Er verschränkte seine Hände ineinander und knackte laut mit den Fingergelenken.
»Bisschen eingerostet«, sagte er, lächelte mich an, schloss seine Augen und begann zu spielen. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich Tschaikowskys Klavierkonzert Nummer Eins. Er spielte es komplett, das gesamte Konzert, mit geschlossenen Augen. Wir vergaßen völlig die Zeit, er beim Spiel und ich beim Zuhören.
Als die letzten Töne leise verklangen, schellte die Pausenglocke.
Wir hetzten im Laufschritt zurück in den Unterricht. Während wir liefen fragte ich: »Kannst du noch ein Instrument?«
»Geige, Gitarre und Oboe«, sagte René. »Wieso?«
»Nur so.«, sagte ich frustriert, »interessiert mich halt.«
Ein halbes Jahr lang unternahmen wir alles gemeinsam, gingen zusammen weg, schwärmten für dieselben hübschen Mädchen in den unteren Klassen. In dieser Beziehung hatten wir den gleichen Geschmack. Ebenso wie bei der Kleidung. Genau wie ich liebte René breite Ledergürtel, spitze Stiefel, schwarze Hemden und breitkrempige Hüte.
Dann kam der Tag der Zeugnisse.
»Zeig deins«, sagte ich.
Er zierte sich erst ein wenig, reichte mir dann aber sein Zeugnisblatt herüber. Meins war gewiss nicht schlecht, aber ein Dreck gegen seins. Er hatte nur Einser, ohne Ausnahme.
»Geil!«, sagte ich anerkennend.
»Nein«, sagte er. »Meine Noten sind sehr gut, aber das habe ich nicht verdient.«
Er deutete auf sein Zeugnis.
Ohne Übergang sagte er dann: »Lieber Ray, morgen fahre ich wieder nach Hause. Heute ist mein letzter Schultag hier in Hamburg ...«
»Scheiße!«, sagte ich, »daran habe ich gar nicht gedacht!«
»Wir bleiben in Kontakt, ja? Wir schreiben uns. Und wenn wir den Führerschein haben, können wir uns immer besuchen, ok? Wir sind ja Freunde, nicht wahr?«
»Klar«, sagte ich. »Wir sind Freunde, und wir sehen uns bald wieder.«
Wir tauschten unsere Adressen und Telefonnummern und verabschiedeten uns. Wir haben uns nie wieder gesehen.


«Words are flying out like endless rain into a paper cup, they slither while, they pass, they slip away across the universe, pools of sorrow, waves of joy are drifting through my open mind, possessing and caressing me….«
»Und?« sagte meine Frau.
»Und was?«, sagte ich genervt.
»Hat das mit dem Überspielen deiner alten Platten geklappt?«
»Hörst du doch«, sagte ich.
Ich hatte gerade meine komplette Beatlessammlung auf meinen neuen MP3-Player überspielt. Dieser war nicht größer als ein Taschenfeuerzeug.
Ich drehte mich zu ihr um, von der Musikanlage weg. Meine Frau saß wie üblich auf dem Sofa und ließ sich benebeln von irgend so einer verdammten Serie wie Sturm der Liebe oder ähnlichem Mist.
Irgendwann ist dein Gehirn so geschrumpft, dass es herausfällt, und du wirst es nicht einmal bemerken, dachte ich missmutig. Wie kann man nur sein Leben derart verschwenden, wie du es tust? Ich verachte dich!
Im Fernsehen wurde eine aktuelle Reportage angekündigt, die mein Interesse erregte. Also schaltete ich den Fernseher mit der Fernsteuerung lauter.
»Hej! Meine Serie geht gleich weiter!«, rief meine Frau.
»Du hockst doch den ganzen Tag vor der Glotze. Eigentlich müsstest du die Folgen alle auswendig kennen«, knurrte ich. Unsere Ehe war sowieso im Eimer. In diesem Moment beschloss ich, mich heute Abend endgültig von ihr zu trennen.
»Und jetzt bist du still, ich will das sehen!« sagte ich.
Sie stand auf und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Der Fernsehbericht war eine Reportage über den mysteriösen Todesfall eines Mathematikprofessors an der Pariser Sorbonne. Eines Morgens hatten die Reinigungskräfte seinen leblosen Körper in einem der Hörsäle vorgefunden. Es gab keine äußeren Anzeichen eines Verbrechens. Er war gerade Anfang fünfzig, etwa in meinem Alter.
An der Universität bedauerte man den Verlust des Professors, da der Mann offenbar ein mathematisches Genie gewesen war. Er hatte mit seinen Forschungen über den Zusammenhang zwischen Musik und Mathematik an einer allgemeingültigen Formel für die Bestimmung aller Naturkonstanten des Universums gearbeitet und war der Lösung offenbar sehr nahe gekommen - Across the Universe.
Um die Ursachen seines Ablebens festzustellen, hatte man eine Obduktion vorgenommen und dabei Unglaubliches entdeckt. Anstelle eines Gehirns befand sich im Kopf des Professors lediglich eine tischtennisballgroße, stark durchblutete Kugel aus festem Gewebe, die violett schimmerte und von einem golden glänzenden Geflecht feinster Adern umhüllt war. Dieses sonderbare Organ saß direkt auf dem Stammhirn in seinem Hinterkopf, etwa in Höhe der Ohren. Der Rest des Schädels war leer, lediglich angefüllt mit Gehirnflüssigkeit, die bei der Obduktion herausgelaufen war. Mehr nicht.
Drei zu diesem Phänomen befragte Wissenschaftler bezeugten Ratlosigkeit. So etwas hatte keiner von ihnen jemals zuvor gesehen. Es handelte sich allem Anschein nach um einen evolutionären Ausreißer, eine Mutation, wobei man bisher ausnahmslos davon ausgegangen war, dass ein Säugetier - also auch ein Mensch - ohne Gehirn nicht lebensfähig wäre.
Am Ende des Berichts wurde ein Foto des Professors eingeblendet.
Ich erkannte René sofort, er hatte sich in 35 Jahren kaum verändert.



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Wenn sich die guten und aufrechten Menschen zusammentun und
zu einer Macht werden, können ihnen die schlechten und bösen
Menschen nichts mehr anhaben.